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Caritaspräsident: Barmherzigkeit ist konkrete Liebe und Gerechtigkeit

Caritaspräsident Msgr. DDr. Michael Landau

St. Pölten, 20.06.2016 (dsp) „Die Liebe ist konkret, Christsein ist konkret“, zitierte Caritaspräsident Michael Landau bei seinem Vortrag über die ersten vier Werke der leiblichen Barmherzigkeit in der St. Pöltner Franziskanerkirche Papst Franziskus. „Wenn diese Konkretheit fehlt, dann lebt man ein vorgetäuschtes Christentum, denn man versteht dann nicht, wo die christliche Botschaft da zu finden ist.“ Die dritte Katechese in der Reihe zum „Jahr der Barmherzigkeit“ hatte „Hungrige-Durstige-Fremde-Nackte? Nächstenliebe konkret!“ zum Thema.

Christliche Barmherzigkeit atme „auf zwei Lungenflügeln, die Liebe und Gerechtigkeit heißen“, betonte Landau. Der hebräische Begriff „Zedaka“, der mit dem Deutschen „Wohltätigkeit“ übersetzt wird und ein Schlüsselwort des biblischen Barmherzigkeitsdenkens ist, umfasse zwei Pole, nämlich Wohltat bzw. Liebe und Gerechtigkeit. Das Wort umfasse diese beiden Aspekte: „Es geht also um konkretes wohltätiges Tun, aber es geht auch um anwaltschaftliches und politisches Handeln.“

Dies sei für die Kirche sehr bedeutsam, den damit sei Barmherzigkeit nicht in den Privatraum zu verdrängen, so der Caritaspräsident. „Wenn wir uns als Christen um Gerechtigkeit mühen, was nach dem biblischen Befund gefordert ist, dann ist Religion keine Privatsache mehr. So wird Kirche zum Sauerteig unserer Gesellschaft. Kirche und kirchlich engagierte Menschen dürfen sich nicht mit Ungerechtigkeit abfinden. Wir dürfen als Kirche nicht schweigen, wenn Menschen durch Menschen Unrecht geschieht.“
Das Zweite Vatikanische Konzil habe diesen Gedanken auch klar ausgesprochen: „Zuerst muss man den Forderungen der Gerechtigkeit Genüge tun, und man darf nicht als Liebesgabe anbieten, was schon aus Gerechtigkeit geschuldet ist. Man muss die Ursachen der Übel beseitigen, nicht nur die Wirkungen.“

„Tun, was wir können“

Zugleich nehme uns Jesus in seinem Erlösungswerk die Last von den Schultern, die daraus entstehen könnte, dass „wir verzweifeln angesichts des Leids der Welt, wenn wir etwa der Versuchung erliegen sollten, alles Leid selbst zu bekämpfen, im Letzten also die ganze Welt retten wollen“, betonte Landau. „Wer in der Lage ist zu helfen, … wird in Demut das tun, was ihm möglich ist und in Demut das andere dem Herrn überlassen. Gott regiert die Welt, nicht wir.“ So drücke es Benedikt XVI. in seiner großen Liebesenzyklika „Deus caritas est“ aus.

Er, Landau, erlebe auch in der täglichen Caritasarbeit, dass sich Menschen engagieren, die ihren praktischen Einsatz vielfach in gesellschaftliches Engagement münden ließen, das auf strukturelle Veränderung abziele. „Ich war hungrig und ihr habt mir zu Essen gegeben“, als das erste Werk der körperlichen Barmherzigkeit bedeute dann nicht nur etwa die Mitarbeit an einer pfarrlichen Lebensmittelausgabestelle, sondern umfasse darüber hinaus ein „anwaltschaftliches Engagement“ gegen die Verschwendung und Vernichtung von Lebensmitteln.

„Tun, was wir tun können, darum geht es“, so Landau. „Es mag die Versuchung der Überforderung geben. Doch die andere Versuchung, nämlich zu wenig oder gar nichts zu tun, sich in Ausflüchten und Entschuldigungen zu flüchten, scheint manchmal auch unter den Gliedern der Kirche vorhanden.“ Doch schon der biblische Befund mache klar, dass der Dienst am Menschen in Not ein Wesenszug von Kirche ist, „ein Wesenszug jener, die zum Herrn gehören“.

Flüchtlinge zuerst als Abbild Gottes sehen

Wer sich aus christlicher Perspektive mit der Frage des Umgangs mit Fremden, auch mit Menschen auf der Flucht beschäftige, werde von der christlich-jüdischen Tradition des Glaubens an den einen Schöpfergott ausgehen, sagte Landau. Dabei stelle sich die Frage, ob der andere, der Fremde, der Ausländer „als Feind oder als Abbild Gottes gesehen“ werde. „Existiert zuerst der Mensch, jedem anderen gleich an Würde, mit dem grundlegenden Recht, Rechte zu haben, oder steht am Beginn der Überlegungen die kulturelle Differenz?“

Der Glaube an den einen Schöpfergott bedeute Vorrang der Gleichheit vor der Anerkennung der Differenz, wie Landau betonte. Das bedeute, das verbindende Gemeinsame vor das unterschiedlich Trennende zu stellen. „Für den Nackten, Obdachlosen, Hungrigen und Durstigen, den der Herr am Ende der Zeit im Blick hat, gibt es nicht die Kategorie von Staatsbürgerschaft, Hautfarbe, religiösem Bekenntnis oder erbrachter Leistung. Christus fragt, wie wir den Geringsten begegnet sind. Und mehr noch macht der Herr klar: In dem, der am Rand steht, begegnen wir Ihm ganz konkret.“