Gefangenen die Barmherzigkeit Gottes zugänglich machen | Jahr der Barmherzigkeit
 

 
Jahr der Barmherzigkeit
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Gefangenen die Barmherzigkeit Gottes zugänglich machen

Rektor Leszek Urbanowicz

St. Pölten, 27.09.2016 (dsp) „Die wichtigste Aufgabe der Kirche im Strafvollzug ist es, auf Gott zu verweisen und den Insassen seine Barmherzigkeit zugänglich zu machen“, betonte Rektor Leszek Urbanowicz, Leiter der Gefangenenseelsorge in der Justizanstalt Stein, bei der 4. Katechese zum „Jahr der Barmherzigkeit“ in der Franziskanerkirche St. Pölten. „Jesus kommt besonders zu den Gefallenen und Ausgestoßenen.“

Das Heilige Jahr sei eine Einladung, unsere Einstellung zu Gott und zu unseren Mitmenschen zu überdenken, sagte Urbanowicz bei seinem Vortrag „Wer braucht dich sonst noch? Gefangene!“ über das 6. Werk der leiblichen Barmherzigkeit „Gefangene besuchen“. „Mit dem Durchschreiten der Pforte vertrauen wir uns der Barmherzigkeit Gottes an, aber wie können Häftlinge das tun? - Die Zellentür wird zur Heiligen Pforte, wenn sie diese mit der richtigen Intention durchschreiten.“

Im Österreich gibt es sieben Betreuungsdienste, die den Gefangenen beistehen, wie Sozialhilfe, psychologische Betreuung oder Bewährungshilfe. Dazu gehört auch die Gefangenenseelsorge. „Die Bemühungen der Betreuungsdienste verhindern das Zerbrechen dieser Menschen, ihrer Seele“, so Urbanowicz. „Sie brauchen die Zuwendung Gottes – durch uns. Es ist die Suche nach dem verlorenen Schaf.“ Es gebe insgesamt ca. 200 Menschen, die die Betreuung von Insassen in der Justizanstalt Stein unterstützen, die Gefangene teilweise auch privat besuchen. „Wir verkünden die Botschaft der Freude, die Botschaft der Versöhnung, der Hoffnung.“

Urbanowicz erinnerte daran, dass „wir den Auftrag von Jesus, selbst haben“, deshalb finde er auch den Mut, „jedem zu sagen, was Jesus gelehrt hat und wer er ist“. Von daher bleibe Gefangenenseelsorge immer eine Aufgabe, unabhängig davon, ob sie erfolgreich sei, oder nicht. In diesem Zusammenhang bedankte sich Urbanowicz bei der Katholischen Frauenbewegung der Diözese St. Pölten, die seit über 40 Jahren Weihnachtspäckchen für jeden Insassen herstellt.

Eigene Erfahrung im Gefängnis

Urbanowicz war in der Zeit der Wende in Polen 1982 mit 23 Jahren selbst im Gefängnis: „Die größte Sehnsucht war die nach Geborgenheit.“ Diese Erfahrung habe ihn geprägt. 1996 wurde er in Österreich gefragt, ob er nochmals ins Gefängnis gehen wolle. Er ist jetzt seit genau 20 Jahren Gefängnisseelsorger in Stein und hat es „keinen Tag bereut“. In Stein sind derzeit Insassen aus 141 Nationen und mit 27 Glaubensbekenntnissen. „Ich kann die Menschen im Gefängnis gut verstehen, ihre Probleme, ihre Gefühle, ihre Schuld.“

Die Gefangenenseelsorge habe für ihn zwei Bereiche, einen „heiligen“ und einen „profanen“. Das „Sacrum“ beinhalte die Begegnung mit Gott im Gebet und in der Liturgie. Das „Profanum“ sei das Gespräch mit den Insassen. Um „die Gegenwart Gottes für sie erfahrbar zu machen“, sei eine große Gesprächsbereitschaft Voraussetzung. „Es geht vor allem darum, zuzuhören, oft stundenlang.“ Urbanowicz sitzt auch oft am Sterbebett von Gefangenen. „Sie wollen wissen, was kommt; da lesen wir gemeinsam in der Bibel.“ Nach Aussage von Urbanowicz hätten sich am Sterbebett bis jetzt noch alle mit Gott versöhnt. „Das ist ein langer, harter, schmerzhafter Weg. Aber wie schön ist es, wenn ein Insasse stirbt und sagt: Ich weiß, wohin ich gehe.“